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(C) Kai Greiser

Brokdorf (C) Eckart Brackert

31.12.2018

Als Sibirien nach Schleswig-Holstein kam

Gewaltige Schneemassen und klirrende Kälte sind in der Erinnerung vieler Schleswig-HolsteinerInnen geblieben, wenn sie an den Winter 1978/79 zurückdenken. Das starke soziale Miteinander und die Hilfsbereitschaft haben diesen einzigartigen Schneewinter geprägt.

Jede/r kann seine/ihre eigene Geschichte der Schneekatastrophe 1978/79 in Schleswig-Holstein erzählen. Damit gehört dieser Winter fest zum kollektiven Gedächtnis des nördlichsten Bundeslandes.

Nach milden Weihnachtstagen im Jahr 1978 änderte sich am 28. Dezember schlagartig das Wetter. Ein stabiles Hochdruckgebiet aus Skandinavien traf über der Ostsee auf ein Tiefdruckgebiet aus dem Rheinland. Dies hatte einen massiven Kälteeinbruch zur Folge. Enorme Temperaturunterschiede wurden in Deutschland gemessen. Während es in Freiburg im Breisgau +15 Grad waren, froren die Schleswig-Holsteiner bei -20 Grad. In der schwedischen Provinz Norrland standen sogar -47 Grad auf dem Thermometer. Ostwinde, die Böen von einer Stärke von 8 bis 12 mit sich führten, bedrohten die norddeutschen Küsten mit einer Sturmflut.

Insgesamt wurde Norddeutschland zweimal von einer Katastrophe heimgesucht: Vom 28. Dezember 1978 bis 3. Januar 1979 dauerte das erste Unwetter. Ein zweites Mal suchte der Schnee den Norden vom 13. bis 18. Februar 1979 heim.

Die Sonderausstellung „Die Schneekatastrophe 1978/79 in Schleswig-Holstein“ wirft einen Blick zurück, in eine Zeit, in der Sibirien nach Schleswig-Holstein kam.
Starke Schneeverwehungen, Eisregen und eine Sturmflut sorgten für einen Zusammenbruch der Infrastruktur: Autos konnten nicht mehr fahren, Schiffe steckten festgefroren auf dem Meer fest, über 60 Dörfer hatten keinen Strom mehr und der kurze Weg zum Lebensmittelhandel oder zum lebenswichtigen Besuch beim Arzt waren von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich.

Im Kreis Steinburg war 1978 die Heeresfliegerstaffel 6 am Standort „Hungriger Wolf“ stationiert, die während der Schneekatastrophe den zivilen Katastrophenschutz mit Hubschraubereinsätzen unterstützte. Überregionale Bekanntheit erlangten die „Heli-Babies“, deren schwangere Mütter mit dem Helikopter in Krankenhäuser geflogen worden sind. Einer dieser Piloten war Dieter Roeder (70 Jahre) aus Hohenaspe, der auf der Insel Fehmarn im Einsatz war. „Durch die tägliche Auseinandersetzung mit dem Notfall waren wir mit solchen Einsätzen vertraut“, sagt er rückblickend. „Es saßen immer drei Mann in einem Hubschrauber. Auf Fehmarn flogen wir Lebensmittel, Viehfutter, Schwangere und Kranke. Bei einem Einsatz sollten wir Lebensmittel und Babywindeln an eingeschneite Urlauber bringen. Da wir nicht landen konnten, mussten wir alle Sachen kurz über dem Boden abwerfen. Beim Aufsteigen wurden uns dann die leichten Kartons mit dem Babywindeln zum Verhängnis. Sie wurden von dem Aufwind des Helikopters in die Rotoren gewirbelt und kamen in tausend Stücken wieder am Boden an. Zum Glück wurde unsere Maschine durch die feinen Plastikteile nicht beschädigt.“

Kai Greiser (77 Jahre) war damals freier Fotograf und bekam von der Zeitschrift „GEO“ den Auftrag, die durch die Sturmflut abbrechende Steilküste zu fotografieren. In Hamburg stand ein ehemaliger Bundeswehrpilot mit Hubschrauber für ihn bereit, der trotz des Schneesturms fliegen konnte. Schon bald erkannte Greiser, dass „das menschliche Geschehen viel spannender“ als die Küstenlandschaft war. Kai Greiser fotografierte während der Schneekatastrophe verschneite Autos und LKW auf der A7, Hilfseinsätze der Bundeswehr und verzweifelte Bemühungen von eingeschneiten Menschen auf den Dörfern.  Der „Stern“ veröffentlichte 1979 auf dem Titel ein Foto Greisers mit der Überschrift „Als nichts mehr ging. Der Sechs-Tage-Krieg gegen den Schnee“. Ein Teil dieser ästhetisch ansprechenden Bilder ist in der Sonderausstellung im Kreismuseum Prinzeßhof zu sehen.

Herbert Matys (84) aus Glückstadt filmte als Amateur den Schneewinter in seiner Heimatstadt Glücksburg. Private Szenen mit Familie und Freunden werden durch Blicke in verschneite Straßen der Stadt an der Elbe ergänzt. Der 30minütige Film wurde von Herbert Matys mit Kommentaren versehen. Er ist im Rahmen der Sonderausstellung in voller Länge zu sehen.

Die Museumsleiterin und Kuratorin der Sonderausstellung Dr. Miriam J. Hoffmann (39) kam am 4. Januar 1979 während des Schneewinters zur Welt. Durch ihre Biographie eng mit dem Thema verbunden, aber aufgrund des Alters mit keinen Erinnerungen an diese Zeit versehen, begab sie sich auf die Spuren der Vergangenheit. Ihre Eltern, Maritta (71) und Volker Hoffmann (76), wohnten damals in Neumünster und waren als LehrerIn berufstätig. Die Hochschwangere bangte in den Tagen zwischen den Jahren, ob sie von der Bundeswehr abgeholt und ins Krankenhaus zur Entbindung gebracht werden müsste.

11.11.2018 bis 24.02.2019

Kreismuseum Prinzeßhof
Kirchenstr. 20
25524 Itzehoe
Tel.: 04821 640 68
www.kreismuseum-prinzesshof.de

Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag 10:00 - 12:00 Uhr und 14:30 - 17:00 Uhr